Stablecoins: Vom Nischenprodukt zum Machtinstrument

Dr. Oliver Völkel, LL.M.

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Bryan Hollmann, LL.M.

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Vom Krypto-Tool zur strategischen Infrastruktur

Kaum ein Thema bewegt derzeit so viele Akteure im Finanzsektor wie Stablecoins. Was als technisches Instrument innerhalb der Kryptoszene begann, ist heute ein geopolitisch relevantes Finanzierungs- und Währungsinstrument. Mit dem GENIUS Act haben die USA einen eigenen bundesrechtlichen Rahmen geschaffen. In Europa gilt seit 2024 mit MiCA ein unmittelbar anwendbares Regime für sogenannte E-Geld-Token. Stablecoins sind damit nicht nur ökonomisch, sondern auch regulatorisch im Zentrum angekommen.

Stablecoins sind digitale Wertträger, die an eine staatliche Währung gekoppelt sind. Der Inhaber hat einen Rücktauschanspruch zum Nennwert. Anders als volatile Kryptowerte dienen sie der Wertstabilität und der effizienten Zahlungsabwicklung. Blockchain-basierte Transfers ermöglichen weltweite Transaktionen nahezu in Echtzeit.

Dollar-Dominanz im digitalen Gewand

Die Marktdominanz liegt derzeit klar beim US-Dollar. USD-gebundene Token machen über 95 % des globalen Volumens aus und verstärken damit faktisch die internationale Rolle des Dollars. Jeder USD-Stablecoin wirkt wie eine digitale Verlängerung der Dollar-Hegemonie – unabhängig davon, ob die zugrunde liegende Transaktion das klassische Bankensystem durchläuft.

Das ökonomische Kernmodell: Zinsmarge ohne Einlagenzins

Ökonomisch ist das Geschäftsmodell bemerkenswert. Emittenten vereinnahmen reale Einlagen, schulden aber keinen Zins. MiCA verbietet eine Verzinsung von E-Geld-Token ausdrücklich. Die Reserven sind in liquide, risikoarme Vermögenswerte zu investieren, wie von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde konkretisiert. In einem positiven Zinsumfeld entsteht dadurch ein erheblicher Margeneffekt. Stablecoins sind damit nicht nur Zahlungsinstrumente, sondern strukturelle Refinanzierungsquellen.

Der regulatorische Rahmen in Europa: Kein Raum für Experimente

Wer in Europa Stablecoins emittieren möchte, bewegt sich im Kernbereich des Finanzmarktrechts. Ein an eine einzelne Währung gekoppelter Stablecoin qualifiziert regelmäßig als E-Geld-Token im Sinne der MiCA. Emittent darf ausschließlich ein zugelassenes Kreditinstitut oder ein E-Geld-Institut sein. Für nicht-bankliche Akteure bedeutet das faktisch: Ohne EMI-Lizenz keine Stablecoin-Emission.

Das Zulassungsverfahren ist substanziell. Erforderlich sind ein tragfähiger Geschäftsplan, belastbare Governance-Strukturen, interne Kontrollsysteme, IT- und Cyber-Sicherheitskonzepte, AML/CFT-Rahmenwerke sowie detaillierte Regelungen zur Verwahrung und Segregation der Reserve. Ein Whitepaper ist zu erstellen und bei der zuständigen Aufsichtsbehörde zu notifizieren; dieses unterliegt klaren inhaltlichen Mindestanforderungen und haftungsrechtlicher Verantwortlichkeit.

Hinzu kommen laufende Pflichten: Eigenmittelanforderungen, tägliche Rücktauschverpflichtung zum Nennwert, jederzeitige Liquidität der Reserve sowie umfangreiche Meldepflichten. Bei „signifikanten“ Stablecoins greifen zusätzliche Anforderungen unter verstärkter Aufsicht durch die EBA. Stablecoin-Emission ist damit kein FinTech-Experiment, sondern reguliertes Finanzgeschäft auf strukturellem Bankenniveau.

Strategische Strukturierungsfragen

Die Regulierung schafft zugleich Chancen. MiCA ermöglicht den EU-Pass: Eine einmal zugelassene Emission kann unionsweit vertrieben werden. Für internationale Gruppen stellt sich daher nicht die Frage, ob reguliert wird, sondern wie strukturiert wird. Banklizenz, EMI-Struktur oder Kooperationsmodell mit einem bestehenden Institut – jede Option hat unterschiedliche Kapital-, Governance- und Haftungsimplikationen.

Geopolitik und Staatsfinanzierung

Mit dem GENIUS Act koppeln die USA Stablecoins eng an Investitionen in US-Staatsanleihen. Stablecoins werden damit zu einem strukturellen Nachfragefaktor für Treasuries. Europa setzt primär auf Stabilität und Anlegerschutz; eine explizite industriepolitische Nutzung der Reservegelder ist nicht erkennbar. Gleichwohl könnten eurogebundene Stablecoins langfristig zur internationalen Stärkung des Euro beitragen.

Fazit: Regulierte Machtinstrumente

Stablecoins sind weit mehr als Code auf einer Blockchain. Wer sie emittiert, betreibt reguliertes Finanzgeschäft. Wer sie reguliert, gestaltet Kapitalströme. Mit MiCA in Europa und dem GENIUS Act in den USA ist der Rechtsrahmen gesetzt. Der Wettbewerb um die digitale Währungsinfrastruktur der Zukunft hat begonnen – und Stablecoins stehen im Zentrum dieses Machtspiels.